Astro-Quatsch

Ein neuer Strom sinnlosen Geblubbers ergießt sich über die Fernsehkanäle in die Wohnzimmer - und es gibt tatsächlich Leute, die einschalten.

AstroTV

Die Satellitenschüsselbesitzer unter den Lesern werden bestimmt vor einiger Zeit nicht verpasst haben, dass ein neuer Strom sinnlosen Geblubbers sich die Sende-Frequenz mit dem eh schon kaum zu unterbietenden Schwachfug "NeunLive" (Siehe Wörterbuch unter "Euphemismus") teilt. Was da auf uns herabstrahlt ist der Sender AstroLive, bei dem es sich um eine konzertierte Aktion von Männern in der midlife-crisis (die gerade gelernt haben ein Sternendeuter-Programm zu bedienen) und grauhaarigen Damen (die besonders gut Karten mischen können) handelt.

eine AstroTV-Dame Sie haben sich mit einer handvoll C-Moderatoren (die gerade bei NeunLive rausgeschmissen wurden, weil sie zu schlecht waren), einem Kameramann (der morgens die Kamera einschaltet und abends wieder aus) und einem Menschen für die Regie zusammengetan und verkaufen sich - nein, ihre Vorhersagen - für teures Geld am Telefon. Die Vorhersagen werden dann live vor der Kamera erpendelt, ermurmelt, erlegt oder auch frei erdacht. Genaugenommen läuft es aber immer auf das letztgenannte hinaus.

Dabei werden sie - ohne Fernsehbegleitung - unterstützt von hunderten oder tausenden von selbsternannten "Experten", Leuten, die gegen eine frei wählbare Provision am Telefon ihre Dienste verrichten, die vorher niemand auf "Qualität" geprüft hat, weil Objektivität bekanntlich der größte Feind der Esoterik ist. Alleine die Zeugnisse von "Lehrgängen" und "Prüfungen" bei "Reiki-Meistern" oder ähnlichen Institutionen der Esoterik-Szene werden im Internet aufgezählt und sollen wohl sowas wie gute transzendentale Beziehungen bescheinigen.

Die eigentliche Frage sollte lauten: Warum ruft da jemand an? Doch leider gibt es in unserer westlichen Welt scheinbar ein enorm großes Bedürfnis nach ein paar teuren, unpräzisen und nicht zuletzt vollkommen frei erfundenen Prophezeihungen - immerhin scheint sich der Sender irgendwie zu finanzieren.

Dachte man doch vor ein paar Jahren tatsächlich, dass die Aufklärung und damit der vielzitierte Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit in Europa Fuss gefasst hätten, lehrt einen der Erfolg von "Questico", der verantwortlichen Firma, besseres. Auch erscheint es einem paradox, dass auf der einen Seite allwissende Glaskugeln Hochkonjunktur haben und auf der anderen Seite Menschen viel Zeit und vor allem viel Geld in Forschung für immer bessere Wetterprognosen stecken.

Dass die Anrufer meist mit zwei Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen stehen und mit ihren Gedanken völlig dem Rationalen ergeben sind, liegt nicht nur nahe sondern spiegelt sich auch in genialen Dialogen wieder: Kartenlegerin: "Ja hallo?"
Anruferin: "Ja hallo hier ist Ines."*
K.: "Hallo Ines, was kann ich für dich tun?"
A.: "Ich wollte jetzt endlich mal erfahren wie es bei mir mit den Finanzen aussieht. Jedesmal wenn ich bisher hier angerufen hab, bekam ich was anderes gesagt!"
Irgendwie nicht wirklich ein Wunder, dass man aus Karten, die vorher per Zufall gemischt wurden, jedes mal was anderes rauslesen kann. Aber das scheint Ines noch nicht bemerkt zu haben. Hauptsache, sie ruft trotzdem nochmal an.

(* Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich nicht mehr genau weiss, ob die Anruferin auch wirklich Ines hieß. Fakt ist aber, dass ca. jede zweite Anruferin Ines heisst.)

Für jeden was dabei

Also was haben die Scharlatane Esoteriker alles so im Angebot?
  • Kartenlegen: Sicherlich ein absoluter Klassiker. Die zuständige Kartenlegerin fordert die Anruferin auf, die Arme und Beine nicht zu überkreuzen (normalerweise telefoniere ich immer mit überkreuzten Armen und Beinen!) und mischt dann solange die Karten, bis die Anruferin ihr ein "ehrliches Stopp" gibt. Was impliziert, dass es auch ein unehrliches Stopp geben muss. Es geht aber auch ganz ohne:
<gruen>Kartenlegerin: *mischt die Karten*</gruen>
<gruen>K.: *legt die Karten*</gruen>
<gelb>Anruferin: "Brauchen Sie kein Stopp?!"</gelb>
<gruen>K.: "Ähm...nein... ich mache das lieber ohne. Ich hab gespürt, dass die Karten dann besser zu mir sprechen." </gruen>
Also jedenfalls werden die Karten irgendwie auf dem Tisch ausgebreitet und anschließend weiß die Legerin über alle möglichen Fragestellungen bescheid.
  • Sterne deuten: Die Astrologen erheben ebenfalls einen Anspruch darauf, aus nichtssagenden Daten die Seele von Menschen bis zu ihrem kleinen Zeh durchleuchten zu können. Sie fordern vom Anrufer den Geburtsort, das Geburtsdatum und nach Möglichkeit die Uhrzeit an, tippen das in einen PC und sehen dann dort die Position der Planeten zu dieser Zeit von diesem Ort aus gesehen. Alles schön sauber eingetragen in ein tolles Diagramm mit vielen Strichen und Symbolen. Das sind ganz tolle Sachen, sie haben bloß leider nix mit dem Schicksal von Menschen zu tun. Denn bis auf die tatsächlichen Positionen der Planeten ist der gesamte Rest (Tierkreiszeichen, Einteilungen, Winkel, Daten) menschliche Setzung und damit völlig frei erfunden. Es darf nebenbei auffallen, wie selten die Astrologen nachfragen, wenn ein Ort auf der Erde doppelt existiert.
Aber was soll schon dabei rauskommen, wenn man behauptet, sich mit dem Planetenlauf auszukennen und anschließend immer noch "aus den Sternen" liest?
  • Aus dem Rauch lesen: Eine weitere Auswucherung der Geldmacherei. Die dazu qualifizierten Menschen behaupten, aus dem Rauch einer brennenden Zigarre (oder so) ungefähr die selben Sachen herhauszulesen, die ihre Kollegen den Karten oder Sternen entnehmen und andere Menschen einfach nur für "nicht vorhersagbar" halten. Dabei dient ein kleiner Ventilator außerhalb des Bildrands für die nötigen Verwirbelungen, sonst wärs nämlich langweilig.
  • Murmeln werfen: Bevor ich's vergesse: Mit durcheinander geworfenen Murmeln geht das Ganze natürlich auch! Auch hier sind die Regeln und Interpretationsweisen frei wählbar. Übereinstimmungen mit real existierenden Gegebenheiten wären rein zufällig und nicht beabsichtigt.
  • Wahrsagen: Alleine die Existenz dieser eigenen Disziplin der Esoterik impliziert, dass alle bisher genannten Methoden unwahr sagen.
Was wiederum in keinem Zusammenhang zum Wahrheitsgehalt der Aussagen der Wahrsager steht. Man sieht schon: Der Fantasie sind wirklich keine Grenzen gesetzt und bis die ersten Esoterik-Freaks auf die Idee kommen, dass Kaffeesatz zu Unrecht verspottet wird und der Streuradius beim Im-Stehen-Pinkeln ein ebenso gutes Medium darstellt, kann es gar nicht mehr lange dauern.

Antworten auf alles.

Bei dieser Vielfalt von Vorhersage-Algorithmen ist es kein Wunder, dass man den Freaks auch alle Fragestellungen zum Fressen vorwerfen kann und diese sich genüsslich in den Antwortmöglichkeiten suhlen. Ich will es mal mit einer Astro-Tussi sagen: Kartenlegerin (motiviert gerade zum Anrufen): "Sie können uns wirklich alles fragen... zu ihren Finanzen, ihrer Liebe, ihrem Partner,... aber auch zu anderen Themen... angenommen, sie möchten sich ein Auto kaufen und wissen noch nicht, welche Marke es sein soll... Da fragt man sich eigentlich, warum sich diese Menschen noch im Fernsehen zum Gespött der Nachbarn machen müssen, wenn sie doch mit ihren Vorhersagen so ein glückliches Leben führen könnten und wahrscheinlich auch ohne Probleme die Lottozahlen der nächsten Mittwochsziehung herausfinden können?

"Naja", wird der Kritiker jetzt sagen, "auf den Karten stehen doch keine Lottozahlen!". Aber so einfach ist es nicht. Selbst in einem schlichten Bauernhaus kann viel verborgen sein: Anruferin möchte etwas zum Finanziellen wissen.
Kartenlegerin: "Haben sie denn größere Investitionen vor?"
Anruferin: "Nein, eigentlich... nichts größeres..."
Kartenlegerin: "Ja, so zeigen das auch die Karten."
Anruferin: "...außer einem Umzug im nächsten Jahr."
Kartenlegerin: (fast brüllend) "JAAAAA! DER UMZUG! Ja, den Umzug hab ich hier liegen!" (deutet auf eine Karte mit einem Bauernhaus)
Noch Fragen? Wenn es schon eine Karte für den Umzug gibt, will ich nicht wissen, was man damit nicht noch alles legen kann ("Oh, ja, jetzt wo sie es sagen! Die dreifache Fraktur des rechten Oberschenkels, die Prellungen an den Armen und die Schürfwunde im Beckenbereich, ja, die hab ich hier liegen!").

Man hat übrigens einen Versuch gestartet und eine handvoll Wahrsager die wichtigen Ereignisse im Jahr 2005 vorhersagen lassen. Dummerweise waren sie im Schnitt nicht besser als der Zufall. So klitzekleine Ereignisse wie die Neuwahlen hat niemand auch nur annähernd zeitlich richtig eingeordnet.

Alles in Allem kann mans hier nur mit Peter Lustig halten: "Abschalten!"
Kommentare (neuste zuerst)
  • PepperAnn schreibt am 20.05.10 um 00:02 Uhr: Super Kevin, in drei Sätzen Zigeuner, Penner und Behinderte gedisst. Klasse Leistung.
  • Kevin schreibt am 01.01.10 um 23:57 Uhr: Ich finde das wahrsagen sowieso völliger scheiss ist. und jeder der zu so einer zigeunerin geht oder anruft und sich ,,beraten´´ lässt sollte dass geld besser in einen psychiater investieren. denn das sind nur solche leute die selbst über ihr leben keine kontrolle haben, deshalb rufen sie wildfremde personen an und fragen die, was sie machen sollen. da kann ich gleich einen penner 5 € geben und den fragen. von mir aus gesehen sind alle die von sowas gebrauch machen behindert!!!!!
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